Wurde Tacheles geredet?

Ich denke, es war eine gelungene Veranstaltung. Schade fand ich, dass diejenigen unter uns, welche die Debatte losgetreten haben, nicht kamen.
Im Laufe des Abends gab es Redebeiträge aus dem Norden, Süden, Osten und Westen unserer Republik. Es gab eine sachliche Auseinandersetzung mit der DDR, und übereinkommend kann gesagt werden: Es war nicht alles schlecht. Jedoch: wiederhaben wollte die DDR so wirklich auch keiner.
Auch zum Thema Friedenserziehung wurde gesprochen. Fazit hierzu: Es wurde sich bemüht. Wer im Sportunterricht mit Handgranatenattrappen werfen lässt, betreibt jedoch keine Friedenserziehung. Wer an den IRAN und den Irak gleichzeitig Wehrmaterial verkauft, betreibt auch nicht zwingend Friedenspolitik. Hierzu gab es einen u.a. einen Zeitzeugenbericht von Johann Georg Jäger. Das Gegenteil wurde auch kommuniziert, mit Ihrem Handeln hat die DDR den Frieden in Europa gesichert, so ein Zeitzeuge.
Ich bin der Auffassung, jeder sollte seine Erlebnisse selbst bewerten und sich den Spiegel vor die Nase halten und fragen: Wo stand ich in der DDR und bin ich mit mir im Reinen?
Ansonsten würden Ruth Terodde und viele andere sich freuen, wenn die Menschen einfach über Ihrer Erlebnisse sprechen. Dieses sollten persönliche Erfahrungen sein und nicht immer in einer Systemdebatte enden.
Zum Auslöser des Ganzen gibt es von mir festzustellen, dass die Frage berechtigt scheint, ob FDJ-Blusen nun auf solch einen Umzug gehören oder nicht. Ich habe damit kein Problem, aber andere Menschen vielleicht schon. Deshalb muss solch eine Idee vorher breit diskutiert und kommuniziert werden.
Es tat sich auch die Frage auf: Was wäre, wenn wir einen Festumzug zur Vergangenheit Greifswalds planen würden? Klammern wir die DDR aus? Hier sage ich: nein. Es ist ein Teil der Geschichte der Menschen, die in der DDR lebten oder leben mussten. Es wäre ja auch schade, wenn wir nur 20 Jahre Greifswald darstellen würden. Es sollte dann jedoch vorher diskutiert werden, wie das Thema eingebunden werden kann.
Ich bin der Auffassung, dass wir endlich aufhören sollten mit dem Gerede über OSSIS und WESSIS. In den Zeiten der Europäischen Union sind jetzt Ukrainer_innen und Amerikanern_innen die OSSIS und WESSIS. Ich fühle mich als Deutscher. Dieses ist nachdrücklich nicht negativ hinterlegt.
Der Abend hat gezeigt, dass solche Veranstaltungen die Menschen ins gemeinsame Gespräch bringen können. Ich halte sie für wichtig und gut.

In der OZ steht dazu:

Manfred Peters eröffnet die Diskussion am Rednerpult mit einem klaren Statement: „Ich habe keine Lust, mich für mein Leben in der DDR an den Pranger stellen zu lassen“, sagt er. Peters wurde 1944 in Rostock geboren und lebt seit 1971 in Greifswald. Es sei schwierig, wenn jemand aus den alten Bundesländern herkomme und ihm als Menschen aus dem Osten sage, wie er früher gelebt habe.
Die gefühlte Mehrheit im Raum bilden jedoch eben jene Menschen aus dem Westen Deutschlands, die seit vielen Jahren im Osten wohnen und sich danach sehnen, mitreden zu dürfen. So wie Ulrich Rose, Ruth Terodde und Stefan Fassbinder. „Zu sagen, dass Person XY etwas nicht erlebt hat und deswegen nichts darüber sagen darf, ist eine ganz gefährliche Tendenz“, findet Fassbinder, Bürgerschaftsmitglied und grüner Landratskandidat.
Schließlich führt die Diskussion zurück zur konkreten Frage, ob Schüler in FDJ-Hemden die DDR-Zeit in einem Festumzug darstellen dürfen. Denn eben dieser Umzug zum 450-jährigen Schuljubiläum hatte im April den Anstoß für die Diskussion gegeben. An der Idee, die von Schülern kam, fanden andere Missfallen, sodass die Schulleitung am Ende entschied, den Umzug ohne DDR-Epoche stattfinden zu lassen. Die Debatte im Roten Salon bleibt im Gegensatz dazu verhältnismäßig ruhig. Weil jene nicht da sind, die es verwerflich finden, die DDR-Zeit mit FDJ-Hemden darzustellen. Tenor: Ja, FDJ-Hemden bei einem Festumzug sind in Ordnung. Einigkeit herrscht darüber, dass ein Festumzug kein passender Ort ist, um sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Man muss immer an die Opfer der DDR denken. Sie sind diejenigen, für die es ein Riesen-Problem ist, wenn sie erneut mit der Zeit konfrontiert werden“, sagt Johann-Georg Jäger. Sein Gegenvorschlag: Die Schüler sollten sich lieber an zwei Projekttagen pro Schuljahr in Workshops und Zeitzeugen-Interviews mit der DDR auseinandersetzen.

Hier der ganze Artikel.

Alexander Krüger

Alexander Krüger

Alexander ist Fraktionsvorsitzender der Fraktion „BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Forum 17.4“ in der Greifswalder Bürgerschaft und war bereits mehrere Jahre im Kreisvorstand der Grünen.
Alexander Krüger

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8 Kommentare bei „Wurde Tacheles geredet?“

  1. Schöner und ausgewogener Artikel.

    1. Danke für die Blumen.

  2. Grmpf – ich habe es leider nicht geschafft dabei zu sein. Und das, wo ich doch dieses Wochenende mein erstes Jahr als Immi hier abschließe.
    Aber ich freue mich, dass es wohl eine gelungene Veranstaltung war.
    Ich wünsche euch ein schönes Wochenende,
    bigi

  3. Manfred Peters sagt: Antworten

    Noch einer!
    „Es sei für ihn nicht akzeptabel, dass ein aus Westdeutschland kommender Parteichef ihm als Ostdeutschem die Lebensleistung abspreche, sagte Leutert der Zeitung.“
    http://www.moz.de/nachrichten/deutschland/artikel-ansicht/dg/0/1/330369/

    Ein Gespenst geht um in Deutschland, nicht nur in der ostostdeutschen Provinz und nun auch bei den Linken!
    Und wenn die OZ morgen den ultimativen Leserbrief des Diplomingenieurs und Vaters von vier Kindern in Krebsow bei Greifswald zum OZ-Beitrag nicht in der Druckausgabe veröffentlicht, muss ich ihn wohl hier als Kommentar einstellen.

  4. Manfred Peters sagt: Antworten

    Wie versprochen!
    „Umgekehrt wird ein Schu(tsc)h draus

    Es mag Wessis geben, die nie in der DDR waren, doch die meisten kannten sich mit ihr gut aus. … Ich selbst maße mir an, über die DDR besser urteilen zu können, als so mancher Ossi. …
    Mir verklärt keiner die DDR-Zeit, aber natürlich bin ich dagegen, sie zu vergessen. Auch HJ gehört zur Deutschen Geschichte und muß gezeigt werden dürfen. Wir sahen früher darin kaum einen Unterschied. schreibt Ekkehard Schutsch aus Groß Kiesow“
    http://www.ostsee-zeitung.de/greifswald/index_artikel_komplett.phtml?param=news&id=3154751
    Also, warum denn nur die Aufregung?

    Ein weiterer Online-LB zum Thema:
    http://www.ostsee-zeitung.de/leserbriefe/index_artikel_komplett.phtml?param=news&id=3155963

    Noch Fragen?

    1. Danke Manfred.

  5. Manfred Peters sagt: Antworten

    Aktuell: 78 Prozent aller Befragten … sind der Meinung die DDR hatte überwiegend bzw. mehr schlechte Seiten.
    Damit ist die Frage entschieden und weitere Diskussionen sind nutzlos. Gegen Arroganz, Ignoranz und Prägung durch BILDderWelt ist kein Kraut gewachsen. Ich habe verloren und gebe auf . 🙁

  6. Richtig: „Ich bin der Auffassung, jeder sollte seine Erlebnisse selbst bewerten und sich den SPIEGEL vor die Nase halten und fragen: Wo stand ich in der DDR und bin ich mit mir im Reinen?“
    Ebenso sollte jeder aus dem Westen seine Erlebnisse in den alten bzw. westlichen Bundesländern selbst bewerten und sich den Spiegel vor die Nase halten und sich fragen, wo er jenseits der Mauer stand.

    Was die Friedenspolitik betrifft bzw. den Frieden in Europa, nimmt Deutschland als Schoßhund der USA wieder einmal eine führende Rolle ein, um den Frieden in Europa zu gefährden.
    Die gesamte Berichterstattung in den Medien, in Funk und TV läuft darauf hinaus, Russland bzw. Putin zu dämonisieren.
    Ich habe mich damals auch auf die Wende gefreut, darauf, dass endlich der kalte Krieg aufhört und die Prägung der Feindbilder ein Ende hat, auch darauf, dass kein Mensch mehr wie ein Hund an der Mauer einfach abgeknallt werden kann.

    Welch ein Trugschluß, denn kurz danach beteiligten sich deutsche Soldaten am Balkankrieg. Deutschland hat einen Bundespräsidenten, dessen Worte und Gedanken ich lieber nicht verstehen will.

    Die westliche Politik, die Menschenrechte auf dem Papier hochhält, kann nicht ohne Krieg, tritt Menschenrechte mit Füßen, lässt Flüchtlinge zu Tausenden bewußt ersaufen, zwingt Ländern Reformen auf, die in Wirklichkeit sozialer Kahlschlag ohne Gnade sind, spioniert die Menschen ohne Grund in einem Ausmaße aus, welches noch nie dagewesen ist.

    Was sind denn solche Veranstaltungen? Alibi, um von dem jetzigen Raubtierkapitalismus abzulenken?
    Tacheles reden über den Osten? Warum? Um den Menschen immer wieder zu verdeutlichen, wie schlecht alles war?
    Brandgefährlicher war es noch nie wie heute, auch aufgrund der westlichen Propaganda.

    Und wie kann jemand in so einer Diskussion etwas verlieren und warum wollen Sie gewinnen? Was gibt es da zu gewinnen?

    Noch ein kleiner Nachtrag bzw. eine Verlinkung, wobei ich lieber fragen will:
    Sind wir denn wahnsinnig geworden, uns schon wieder mit den Russen anzulegen:

    https://www.youtube.com/watch?v=AvO56TDPMQQ

    oder das: https://www.youtube.com/watch?v=xwsPyMNucDI

    Und eine letzte Verlinkung, auch, oder weil wir kleinen Menschenskinder nur hoffen können, dass vom Volk gewählte Politiker im Interesse der Bevölkerung bei Sinn und Verstand bleiben und weil \
    ich Tacheles über die DDR, die nie ein anderes Land überfallen hat, in diesen Zeiten und nach 25 Jahren völlig daneben finde:

    https://denkfunk.de/christoph-sieber-ukraine-konflikt/

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