„Danke, Deutschland“

ist eine 330000 Euro teure Plakat-Kampagne des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technik. Die angebliche Rekordbeschäftigung muss schließlich auch gut verkauft werden. So meldete z.B. die OZ gestern:

Im abgelaufenen Jahr hatte der Konjunkturaufschwung den deutschen Arbeitsmarkt kräftig beflügelt und die Erwerbstätigkeit auf einen neuen Höchststand katapultiert: Im vergangenen Jahr übersprang die Zahl der Erwerbstätigen erstmals die 41-Millionen-Marke, wie das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mitteilte. Im Jahresdurchschnitt 2011 waren nach den Angaben rund 41,04 Millionen Menschen mit Wohnort in Deutschland erwerbstätig. Damit wurde der bisherige Höchststand des Vorjahres nach den vorläufigen Berechnungen nochmals deutlich um 535 000 Erwerbstätige oder 1,3 Prozent übertroffen.

Dies darf aber nicht ungeprüft so stehen bleiben. Ulrike Herrmann, Wirtschaftskorrespondentin der taz, stellt klar:

330000 Euro für eine Lüge. Natürlich ist es keine direkte, krasse Lüge, dass „so viele Menschen in Arbeit wie nie zuvor“ seien. Aber man kann ja auch durch Unterlassung lügen. So stimmt es zwar, dass jetzt 41,47 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig sind – und damit so viele wie noch nie. Doch dieser Rekord ist bedeutungslos. Denn obwohl so viele Menschen arbeiten, gibt es nicht mehr entlohnte Arbeit.  

Stattdessen arbeiten mehr Menschen weniger, wie sich zeigt, sobald man nicht auf die Zahl der Erwerbstätigen starrt – sondern auf die geleisteten Arbeitsstunden. Dann stellt sich heraus: Im Jahr 2000 wurden insgesamt 57,7 Milliarden Arbeitsstunden absolviert, 2010 waren es 57,43 Milliarden. Wo ist da der Fortschritt? Es ist etwas übertrieben, dafür zu „danken“, dass in zehn Jahren das Arbeitsvolumen leicht geschrumpft ist.

Auch erläutert sie, warum es ob dieser dreisten Lüge keinen Aufschrei gibt:

Es ist kein Zufall, dass das Wirtschaftsministerium so dringend behaupten will, dass in Deutschland ein Paradies der Erwerbstätigkeit eröffnet hat. Die „Danke, Deutschland“-Plakate sind Teil einer größeren Erzählung, die da lautet: „Hartz IV“ war notwendig. Es war die Rettung der Bundesrepublik, dass damit ein Niedriglohnsektor geschaffen wurde. Ohne die „Agenda 2010“ hätte es 2010 niemals so viele Beschäftigte gegeben.  

Diese Groß-Erzählung wird nicht nur von der schwarz-gelben Regierung betrieben. Sie ist genauso beliebt bei vielen Sozialdemokraten und Grünen, die ja unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder die Hartz-Reformen erfunden haben. Gegen dieses parteiübergreifende Kartell der Schönfärberei ist schwer anzukommen. Deswegen sei es – noch einmal – gesagt: Nein, Hartz IV hat gar nichts gebracht. Die Zahl der Arbeitsstunden ist nicht gestiegen; es wurde keine neue Beschäftigung geschaffen.

3 Kommentare bei „„Danke, Deutschland““

  1. Sollte es überhaupt ein eigenständiges Ziel einer Gesellschaft sein, möglichst viele Arbeitsstunden zu leisten?
    Das Problem ist eher, dass nicht zunächst geschaut wird, was an Arbeit sinnvollerweise erledigt werden muss und wie wir diese Arbeit dann verteilen.

  2. Da habe ich doch schon hier eine etwas umfangreichere Kritik gelesen:
    http://jacobjung.wordpress.com/2011/12/22/wirtschaft-wachstum-wohlstand-danke-deutschland/

  3. Torsten Wierschin sagt: Antworten

    Mehr Kapitalismus wagen

    Der richtige Name des gegenwärtigen Hauptübels unserer Gesellschaft lautet Feudalismus.

    http://taz.de/Debatte-Wirtschaftskrise/!84939/

    Das hieß hierzulande mal „Meine Hand für mein Produkt.“

    Ein eigenständiges Ziel einer Gesellschaft ist es, sich weiterentwickeln (zu müssen). Im Moment wird blockiert.

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