Fischsterben in der Peene: in der Chemiekatastrophe ringt Landwirtschaftsminister Backhaus (SPD) um Deutungshoheit

Kristin Wegner und Bündnisgrüner Kreisvorstand: Wozu dienen Rohrverbindungen zwischen Ethanoltanks und dem Regenwasserabflusssystem der Anklamer Zuckerfabrik?

IMG_20150916_090207Gestern hat Landwirtschaftsminister Till Backhaus in die Anklamer Zuckerfabrik zur Eröffnung der diesjährigen Zuckerrübenernte geladen. Dieses Jahr stand jedoch die Vergiftung tausender Fische durch unkontrolliert in die Peene gelangter Chemikalien im Vordergrund. Angereist waren Vertreter_innen der Presse, der Kommunal- und Landespolitik.
Für die Landtagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN war Ursula Karlowski vor Ort, außerdem kamen Kristin Wegner, bündnisgrünes Mitglied des Kreistags und Mitglied des Umweltausschusses sowie Torsten Wierschin, Kreisvorstand BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Vorpommern-Greifswald.

Matthias Sauer, Geschäftsführer der Anklamer Zuckerfabrik, gestand ein, dass das Ethanol in der Peene aus der Fabrik stamme. Es war über eine Rohrverbindung zwischen Tanks und einem Kanalsystem, das in die Peene entwässert, in den Fluß gelangt. Ein nicht geschlossener Schieber im Rohrsystem, so Sauer, hat zum Ausfließen des Ethanols geführt.
Torsten Wierschin merkt dazu an: „Ich frage mich, warum es überhaupt eine solche Rohrverbindung gibt. Wir müssen die Fragen stellen, ob es eventuell noch mehr solcher Verbindungen gibt und wer das genehmigt hat. Ist der Industrieprozess aus dem Ruder gelaufen? Was geschieht in diesem Falle? Wurden diese Risiken bzgl. der Auswirkungen auf  die Umwelt bewertet? Von wem? Mit welchem Ergebnis?“

„Landwirtschaftsminister Backhaus´ Aussagen war zu entnehmen, dass der Landkreis Vorpommern-Greifswald weitestgehend für das Umwelt-Controlling verantwortlich sei und sein Ministerium nur eine genehmigende Rolle spiele.“ sagt Wierschin. „Das passt in das Agieren der Schwarz-Roten Koalition, die seit Jahren gern teure Aufgaben an die Kommunen und Kreisen delegiert, sie aber bei Finanzierung und Personalausstattung allein lässt.“

Das StALU entnimmt nur zwei Mal im Monat Gewässerproben aus der Peene, um eine Anlage im Wert von 250 Mio EUR hinsichtlich ihrer Umweltverträglichkeit für Wasser zu überwachen. „Minister Backhaus konnte trotz der aktuellen Umweltkatastrophe noch nicht einmal ein engmaschigeres Controlling in Aussicht stellen“, moniert der Kreisvorstand.

Kristin Wegner fordert von der Anklamer Zuckerfabrik eine großzügige und unbürokratische Wiedergutmachung an die Bevölkerung der Stadt Anklam. „Die Schwimmhalle zahlt Heizkosten an die Fabrik. Die Finanzierung des ÖPNV („Bio“kraftstoff) oder der Bau von Radwegen sind öffentliche Leistungen, die jährlich Millionen kosten werden. Der Konzern sollte sich fortan daran beteiligen.“ schlägt Wegner vor. „Das macht die Fische nicht mehr lebendig, wäre aber eine großzügige Geste des Ausgleichs. So würden die betroffenen Anklamer_innen indirekt an den Umsätzen der lukrativen Ethanolgewinnung teilhaben.“

Tonmitschnitte und Bilder der Pressekonferenz
Was ist Bio-Ethanol?
Was ist E10?

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Zusatz vom Autor>

Ist „Bio“kraftstoff wirklich umweltfreundlich?

Hinter der Pflicht zur Markteinführung von E10 steckt das Ziel der EU, Europas Abhängigkeit von importierten, fossilen Brennstoffen zu verringern und gleichzeitig das Klima zu schonen. Die Grundidee klingt plausibel: Da Ethanol aus nachwachsenden Rohstoffen wie z.B.  Zuckerrüben gewonnen wird, geben Pflanzen bei ihrer Verbrennung nur das zuvor aufgenommene CO2 wieder ab – ein für sich genommen CO2-neutraler Vorgang. Und doch ist E10 nicht qua Zuckerrübe umweltfreundlich. Die Bezeichnung „Bio“sprit ist m.E. irreführend:


Die negativen Klimaeffekte belegt eine Studie des „Institute for European Environmental Policy“ (IEEP) im Auftrag eines breiten Bündnisses von europäischen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen . Sie bilanziert bei Agrokraftstoffen unter dem Strich eine schlechtere Klimabilanz als bei konventionellem Treibstoff. Unter Einbeziehung aller Komponenten wären Agrokraftstoffe um 81 bis 167 Prozent klimaschädlicher als der herkömmlicher, fossiler Sprit. Ihr Anbau und Produktion zerstört Lebensräume — wie es hier in Anklam ganz offenkundig wird — konkurriert mit der erst im Anfang befindlichen ökologischen Nahrungsmittelproduktion und verschlingt massenhaft Dünger.


Deswegen bin ich für ein Umdenken bei der Bewertung von Agrokraftstoffen, die aus Energiepflanzen stammen. Es ist z.B. notwendig, ein einfaches und nachvollziehbares Zertifizierungsverfahren für Agrosprit zu installieren und den Einsatzrahmen von Agrokraftstoff im Verkehrssektor (z.B. nur Busse, Lkw?) zu definieren und dies in der Öffentlichkeit dann entsprechend darzustellen .


Deutlich wichtiger ist es m.E., die Elektrifizierung des Funktionalverkehrs (ÖPV, Logisitik) entschieden voranzutreiben und die Menschen dazu zu ermutigen, ihr individuelles Verkehrsverhalten schrittweise auch zugunsten der einfachen Mobilität — Fuss- und Radverkehr — zu ändern.

5 Gedanken zu „Fischsterben in der Peene: in der Chemiekatastrophe ringt Landwirtschaftsminister Backhaus (SPD) um Deutungshoheit

  1. http://ursel-karlowski.de/aktuelles/

    17.09.2015
    Weiterhin viele Ungereimtheiten zum Fischsterben und zur Zuckerfabrik Anklam

    Auf Antrag der BÜNDNISGRÜNEN Landtagsfraktion fand heute im Umwelt- und Agrarausschuss des Landtages Mecklenburg-Vorpommern eine Aussprache zur Umweltkatastrophe an der Peene statt. Nach Einschätzung der umweltpolitischen Sprecherin der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Landtag, Dr. Ursula Karlowski, stehen weiterhin viele Ungereimtheiten und Widersprüche im Raum: „Warum hat die behördeninterne Arbeitsgruppe, die sich seit einem Jahr mit der Zuckerfabrik Anklam befasst, die Umweltkatastrophe nicht verhindert?“ fragt Karlowski

  2. PREISE FÜR BIOETHANOL ERHOLEN SICH VOM REKORDTIEF, Dienstag, 22.09.2015
    http://goo.gl/aJ07Y8
    Der Preis für Bioethanol in Europa hatten sich zuletzt wieder erholt. Von seinem Rekordtief Mitte Januar bei 417 Euro je Kubikmeter kletterte er an der Börse in Rotterdam bis August wieder auf 560 Euro. Grund dafür waren eine knappere Versorgungslage bei zugleich gestiegener Nachfrage. Bioethanol wird von Cropenergies aus Getreide und Zuckerrüben gewonnen. Der Kraftstoff wird unter anderem Benzin beigemischt, hierzulande auch als E10 bekannt.

    Ca. 1.000.000 Liter Ethanol in der Peene sind 1.000 Kubikmeter oder aktuell 560.000EUR. Während der Zeit der Chemiekatastrophe (ca. 3 Tage) wurden lt. Aussage GF der Zuckerfabrik ca. 500 Kubikmeter Ethanol in Anklam erzeugt.

    Die GF der Zuckerfabrik hatte (pressewirksam) nach der Havarie der Fischereiaufsicht 3.000 EUR gespendet als Dank für deren Einsatz beim Bergen der toten Fische.

  3. 09.09.2015
    Drs. 6/4464(neu) Schluss mit Spekulationen: Fischsterben in der Peene transparent aufklären, Öffentlichkeit informieren, Katastrophenbewältigung verbessern

    Der Landtag möge beschließen:

    Die Landesregierung wird beauftragt,

    1. die Verunreinigung der Peene mit einem für Wasserorganismen toxischen Stoff bzw. Stoffgemisch und die diesbezüglich eventuell aufgetretenen Versäumnisse der Genehmigungs- und Kontrollbehörden schnellstens transparent aufzuklären,
    2. die Bevölkerung umfassend über gesundheitliche Gefahren zu informieren, die mit dem Ereignis in Verbindung stehen, und
    3. die Abläufe der Katastrophenbewältigung von der Entdeckung eines Umweltschadens bis hin zur Folgenbeseitigung zu verbessern.

    Jürgen Suhr, Dr. Ursula Karlowski und Fraktion

  4. Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD) hat nach dem massenhaften Fischsterben in der Peene bei Anklam davor gewarnt, die Zukunft der Zuckerfabrik Anklam „leichtfertig“ aufs Spiel zu setzen. In der von den Grünen auf die Tagesordnung gesetzten Debatte über Ursachen und Folgen des Umweltskandals sagte Backhaus im Landtag: „Ich wünsche mir sehr, dass wir möglichst zur Ruhe kommen.“ Das sei auch für die Stadt Anklam wichtig. http://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Backhaus-nimmt-Zuckerfabrik-in-Schutz,zuckerfabrik128.html

    Dazu die Gegenrede von Ursula Karlowski vor dem Schweriner Landtag: https://goo.gl/bDdpZH

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