Archäologie nicht zum Sündenbock für lange Bauzeiten machen

Die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN begrüßt es, dass jetzt endlich zahlreiche Baustellen in unserer Stadt verschwinden werden. Neupflanzungen begrüßen wir ebenfalls, allerdings bedauern wir, dass dafür, wie am Karl-Marx-Platz alter Baumbestand gefällt wurde. Nicht verstehen können wir, dass auf dem Grünstreifen zwischen Hansering und dem Gelände am Fangenturm keine Büsche, Bäume oder Hecken gepflanzt wurden. Der Platz um den Fangenturm wurde zwar ausreichend mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. Leider laden sie nicht zum Verweilen ein. Sie haben nicht nur keine Rückenlehne, sondern stehen aufgrund fehlender Bepflanzung auch im Durchzug sowie direkt am Straßenlärm. Das ist nicht gerade einladend – und hätte doch so leicht besser gemacht werden können.

Für die Baumaßnahme am Fangenturm listet die Stadt an erster Stelle die archäologischen Grabungen als zeitverzögernde Maßnahmen auf. Grabungen sind immer gerne vorgeschobene Gründe für Bauverzögerungen. Das wird der Archäologie aber nicht gerecht. Die Verwaltung antwortete uns auf die Frage zur tatsächlichen Zeitverzögerung durch die Archäologie am Fangenturm schon im August letzten Jahres: „Die Begleitung durch das Landesamt [für Kultur und Denkmalpflege] führte zu Verzögerungen von ca. 2-3 Wochen.“ Es ist nicht verursachungsgerecht, der Archäologie jetzt an erster Stelle die Schuld für eine Bauverzögerung von über einem halben Jahr in die Schuhe zu schieben.

Die Fraktion BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN regt vielmehr an, der Archäologie einen höheren Stellenwert zuzuordnen. Fassbinder bricht eine Lanze für die Archäologie: „Grabungen dienen der Dokumentation unseres historischen Erbes. Sie sollten nicht immer nur als Ballast, sondern als Bereicherung gesehen werden. Wenn die Ergebnisse von Grabungen schon während der Grabungskampagnen durch öffentliche Führungen präsentiert würden, spielte die Archäologie eine ganz andere Rolle im öffentlichen Bewusstsein. In anderen Bundesländern gibt es regelmäßig öffentliche Führungen über laufende Ausgrabungsstätten. Das wird von der Bevölkerung gerne angenommen und erhöht die Akzeptanz für archäologische Grabungen bei Bauvorhaben.“

Wenn jetzt auch die nördliche Seite des Museumshafens baulich aufgewertet wird, darf auf keinen Fall eine öffentliche Toilette vergessen werden. Erhöhte Aufenthaltsattraktivität erfordert auch bessere Infrastruktur für menschliche Bedürfnisse. Eine nur zu Öffnungszeiten der anliegenden Gastronomie mit Leihschlüssel zugängliche Toilette reicht nicht aus. Unsere Fraktion hat schon vor zwei Jahren entsprechende Anregungen von Bürgern/-innen an die Stadtverwaltung weiter gegeben. Die geplante Baumaßnahme ist also eine gute Gelegenheit, jetzt deren Bedürfnissen Rechnung zu tragen.

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Stefan Fassbinder

Stefan war lange Zeit Fraktionsvorsitzender der Grünen Bürgerschaftsfraktion Greifswalds. Er ist promovierter Historiker und Vater von vier Kindern. Seit November 2015 ist er erster Grüner Oberbürgermeister Norddeutschlands, aufgestellt durch ein Bündnis von Die Linke, SPD und Piratenpartei.
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Über Stefan Fassbinder

Stefan war lange Zeit Fraktionsvorsitzender der Grünen Bürgerschaftsfraktion Greifswalds. Er ist promovierter Historiker und Vater von vier Kindern. Seit November 2015 ist er erster Grüner Oberbürgermeister Norddeutschlands, aufgestellt durch ein Bündnis von Die Linke, SPD und Piratenpartei.

3 Gedanken zu „Archäologie nicht zum Sündenbock für lange Bauzeiten machen

  1. Da die Bauherren die Kosten für die Ausgrabungen übernehmen müssen, jedenfalls für die Tiefe in der sie bauen wollen, stellt sich die Frage, wer die Kosten für die Führungen übernehmen soll. Die Idee ist an sich interessant, nur hat die „Bespaßung“ der Leute nichts mit der eigentlichen Aufgabe der Archäologen zu tun.

  2. Welcher Bürger oder Tourist assoziiert die in schlangenlinien gebaute Pier am Fangenturm mit der Archäologie? Die zusätzlich entstandenen Baukosten für den Erhalt einiger Steine der ehemaligen Begrenzung, stehen in keinem Verhältnis zur Verschandelung der Kaianlage. Bleibt nur noch zu hoffen, dass der „Neue“ nicht auch so „GRÜN“ ist und derartige oder ähnliche Entgleisungen ebenfalls gut heißt.

    1. Es sind doch gerade die Konservativen, die, nunja, konservieren wollen.

      Der „Caspar David Friedrich“-Blick wird imm häufiger zum Ideal erhoben und dient als Rechtfertigung für ominöse Gestaltungsentscheidungen.

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