Kämpfer gegen Geisteswissenschaft

Als einen Kämpfer für die Fachrichtung Wirtschaft an der Universität bezeichnete die Ostseezeitung heute (S. 10, bislang nur für Abonnent_innen online) den ehemaligen Lehrstuhlinhaber Manfred Matschke anlässlich dessen Fortzuges aus Greifswald. Darum wird nun mehr Brimborium veranstaltet, als angemessen wäre, zudem ist die völlige Absenz jedweder Kritik in mehrerer Hinsicht unangebracht.

Da ist zum einen die Rolle vieler Vertreter_innen der Fachrichtung Wirtschaft an den Hochschulen, die der gesellschaftlichen Verantwortung, der sich Wissenschaftschftler_innen üblicherweise zu stellen haben, nicht gerecht werden. Stattdessen scheint deren Ziel die Ökonomisierung der Gesellschaft zu sein. Das wiederum ist ein Ausdruck des Ungeistes und einer Wissenschaft nicht angemessen.
Der erwähnte Matschke gehört zu jener Gruppe und das brachte er in den letzten zweieinhalb Jahren seiner Zugehörigkeit zur Greifswalder Bürgerschaft auch immer wieder zum Ausdruck. Alle, die sich über die stärkere Bereitschaft von Universitätsangehörigen, in der Stadtpolitik mitzuarbeiten, zunächst gefreut hatten, wurden sehr schnell enttäuscht. Alles, was vom Genannten kam, war Populismus aus der neoliberalen Ecke. Da hatten sich alle berechtigten gesellschaftlichen Erwägungen und Interessen gefälligst dem Dogma von Ideologien der vergangenen 40 Jahre zu unterwerfen. Weitergebracht hat das Greifswald nicht.

Die Wirkung solcher Wirtschafts-„Wissenschaften“ auf den Diskurs dieser Region ist folglich bestenfalls als nicht vorhanden zu bewerten. Nicht umsonst gelten die Studierenden des Fachbereiches als reichlich unpolitische Vertreter_innen. Die aktive Beteiligung an der studentischen Selbstverwaltung leisten üblicherweise Studierende anderer Disziplinen.
Im ungünstigen Falle wirkt die hier üblicherweise verlangte vom Geld ausgehende Denkweise negativ auf die gesellschaftliche Entwicklung. Mit dem Scheinargument, man müsse alles erdenkliche einer vermeintlichen “wirtschaftlichen Entwicklung“ unterordnen, wird die gesamtgesellschaftliche Entwicklung gehemmt. Auf der Strecke bleiben Demokratie, langfristiges und humanitäres Denken sowie der Erhalt der Lebensgrundlagen.
Und ich habe keinen Grund zur Annahme, dass sich ein und derselbe Mensch an der Universität völlig anders äußern könnte als in der Bürgerschaft.
Das Weltbild vieler Schmalspurökonomen ist schief und bei historischer Betrachtung reichlich absurd. Die Ideologie des schrankenlosen ökonomischen Handelns ist vergleichsweise neu und ohne Parallelen in früheren Epochen. Denn da haben Menschen stets anerkannt, dass es Ziele gibt kann, die eine Regulierung wirtschaftlichen Handelns rechtfertigen. Über die Ziele im Einzelnen und auch die mit ihnen in Zusammenhang stehenden Werteordnungen streiten kann mensch dabei immer.

Unangebracht ist ferner eine unkritische Bewertung des Wirkens von Manfred Matschke in Gremien der Universität.
In die Amtszeit des so unkritisch Belobigten als Senatspräsident fiel das kräftigste Ausbluten der Geisteswissenschaft an der Greifswalder Universität. Die Förderung eines Rektors, der vor allem die Entwicklung in Richtung einer Medizinischen Hochschule mit geisteswissenschaftlichem Ornament gestellt hat, gereicht ebenfalls kaum zum Ruhm. In einer Situation, da in unserer Region vor allem die Vielfalt der Gesellschaft gefragt ist, hätte eine Universität anders reagieren müssen, als durch Abbau der Vielfalt universitärer Disziplinen. Anstelle der ökonomisch utilitaristischen Frage „Wozu braucht man das?“ hätte die offene Frage „Wie können wir ein Umfeld für Ideen schaffen?“ stehen müssen. Statt dessen äußerte der Genannte auf die Frage nach einem Platz kleinerer, vor allem geisteswissenschaftlicher Fächer gerne mal Unverständnis und mangelndes Problembewusstsein – kurz: gähnende Leere, oder auch „Chaos“.

Jene gähnende Leere droht auch der Region, wenn die Entwicklung der Greifswalder Universität nicht korrigiert wird. Immerhin beginnen diejenigen, die das Schiff zum Kentern gebracht haben, jetzt, dasselbe zu verlassen.

3 Kommentare bei „Kämpfer gegen Geisteswissenschaft“

  1. och… nee…

    Ich habe mit Herrn Matschke auch ein paar Jahre zusammengearbeitet und hatte eher den Eindruck, dass er sehr wohl an einem Erhalt der Geisteswissenschaften interessiert war, setze er doch gerade ökonomische Argumente gegen das Schließen von Fächern der PhilFak. Vielleicht ist das die Sprache die er am besten sprechen kann.

    Selbstverständlich hatte ich auch meine Probleme mit ihm, habe ihn aber immer als offenen, ehrlichen und somit streitbaren Gesprächspartner erlebt. Und das ist eine Seltenheit in diesen Kreisen.

  2. Lieber Kay,

    ich finde Deine Kritik an Herrn Manfred Matschke zu überzogen. Ich hatte die Möglichkeit Herrn Matschke näher zu kennen. Nach meiner Meinung ist er sehr integere. Den Vorwurf, dass er ein radikaler Vertreter des Neoliberalismus ist, kann ich nicht teilen. Vielmehr gehörte Herr Matschke zu den Vertretern der alten guten liberalen Schule, mit der Neigung zu einer überholten Industrieansiedlungspolitik. Im Bereich von Firmengründungen sowie der Stärkung der Region hat er sehr viel geleistet.

    Tschau Robert

  3. Torsten Wierschin sagt: Antworten

    Nicht umsonst gelten die Studierenden des Fachbereiches als reichlich unpolitische Vertreter_innen. Die aktive Beteiligung an der studentischen Selbstverwaltung leisten üblicherweise Studierende anderer Disziplinen. Im ungünstigen Falle wirkt die hier üblicherweise verlangte vom Geld ausgehende Denkweise negativ auf die gesellschaftliche Entwicklung.

    Lieber Kay, die Kritik ist hart und sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Ich würde deshalb gern in eine Diskussion eintreten, wie mensch dem Menschen erklärt, dass z.B. so was
    http://blog.gruene-vorpommern-greifswald.de/2011/12/13/theaterkundgebung/
    u.a. die Folge von so was
    http://blog.gruene-vorpommern-greifswald.de/2011/12/12/tausende-bundesburger-und-uber-50-organisationen-fordern-strassenneubaustopp/
    ist. In einem Satz kann ich das auch nicht erklären.

    Deshalb mache ich an dieser Stelle einen etwas provokanten Vorschlag:

    Der Ethik- und Religionsuntericht bzw. der Englisch- und Sachunterricht in der Regionalschule und anschließende, sollte zu gunsten eines Fachs „Kommunales Haushalts- und Finanzwesen“ halbiert werden. (Mathematik ist ungleich Neoliberalismus.)

    Evtl. lassen sich so die Leute möglichst früh für ein späteres Ehrenamt sensibilisieren und fachlich fit machen.

    Viele Grüße, Torsten

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