Ein Leitbild von Männern, Machern, Managern?

Es wurde über Partizipation geredet und Exklusion praktiziert. Diese Veranstaltung hat mal wieder wunderbar gezeigt, dass der „Wir-Gedanke“ irgendwo auf dem Weg nach Greifswald versandet ist. Ideale wie Transparenz, Mitbestimmung und die Integration von Frauen, Migranten, Sozialschwachen weniger Betuchten und Älteren bitte an der Garderobe abgeben.

Jeder der erwartet hatte, dass der Prozess, wie dieses Leitbild eigentlich zustande kommen und die Einbeziehung der Bürger konkret stattfinden soll, klar und deutlich dargestellt wird, wurde enttäuscht. Stattdessen dominierten erstaunlich inhaltsarme , z.T. recht lustige („Klima hat auch mit Gesundheit zu tun“) Statements und Redebeiträge.

Der Vortrag des Vertreters der Prognos AG macht mich sehr skeptisch, denn der drehte sich überwiegend um ökonomische Kriterien als Indikator einer blühenden Stadt. Die Stichworte Bürgerbeteiligung und Lebensqualität blieben eine Randnotiz; Klimaschutz und Armut wurden noch nicht einmal erwähnt. Hoffentlich „übersehen“ die Herren nicht, dass es für die Lebensqualität der Greifswalder völlig belanglos ist, Technologiestandort zu sein, wenn gleichzeitig die Stundenlöhne weiter in den Keller sacken, nur wenige Menschen in den Genuss eines „echten“ Arbeitsplatzes kommen, die Kinderarmut unerträglich hoch bleibt und Ausländerfeindlichkeit populär bleibt.

Die Beteiligung der Bürger(!) erfolgt erstens durch die Experten(!)interviews in den kommenden Wochen. Zweitens durch ein Fragebogen, in dem nach persönlicher Themengewichtung zum Ankreuzen gefragt wurde und der gestern verteilt wurde – Das Publikum bestand allerdings geschätzt zu mind. ¾ aus den bekannten Entscheidungsträgern (nicht -innen!) mit Schlips und Kragen; soviel zur Repräsentativität. Drittens soll es irgendwann noch irgendwie ungefähr zwei Workshops geben, an denen die Bürger teilnehmen dürfen. Allerdings würden die Leute dabei immer so durcheinander reden und könnten sich nicht einigen, deswegen müsse man mal schauen, wie man die Ergebnisse dieser Workshops überhaupt einbeziehen kann – Als wenn es die vielen, klug ausgetüftelten und erprobten Konzepte zur Bürgerbeteiligung wie Planungszellen, Bürgergutachten, Zukunftswerkstätten etc. gar nicht gäbe!

Weiterhin war diese Veranstaltung eine gelungene Demonstration dafür, dass sich Frauenrechtler noch lange nicht zurücklehnen dürfen. Während des Abends gab ein Mann den Staffelstab an den nächsten weiter. Lediglich unter den fünf Podiumsteilnehmern war eine Frau als Sprecherin des Arbeitskreises Bildung (Überraschung!) dabei. Auch die vierköpfige Prognos-Gruppe bestand ausschließlich aus Männern. Diese Tatsache ist für die ökonomisch dominierte Akzentuierung sicherlich nicht irrelevant.

Fazit: Wäre die Auftaktveranstaltung ein wissenschaftlicher Artikel gewesen, hätte er die Schlüsselworte Androzentrismus, Demokratiedefizit und Exklusion bekommen.

Wir bleiben dabei: die 60.000 Euro für die Entwicklung des Leitbildes hätten ganz oben auf die Streichliste gehört!

6 Kommentare bei „Ein Leitbild von Männern, Machern, Managern?“

  1. Von Männern für Männer! Aber bist du wirklich überrascht?

    1. Ehrlich gesagt ja – eine derartige Zeitreise in das 19.Jhd zu erleben hatte ich nicht erwartet 😉

  2. Liebe Anne,

    können wir uns darauf einigen, dass der Begriff „sozialschwach“ in diesem Blog nicht mehr verwendet wird? Diese Menschen sind vielleicht finanzschwach – über ihre soziale Kompetenz sagt das nichts aus! Und dass wir Frauenrechtler zumindest durch die gegenderte Form ergänzen sollten?

    „Ideale wie Transparenz, Mitbestimmung und die Integration von Frauen, Migranten, Sozialschwachen und Älteren bitte an der Garderobe abgeben.“ Frauen als Randgruppe, die es zu integrieren gilt, als Idealvorstellung? Da waren wir schon ‚mal weiter, oder?

    Nix für ungut –
    Ruth

    1. Liebe Ruth
      „Sozialschwach“ ist ein Unwort – da gebe ich dir uneingeschränkt Recht.
      „Frauenrechtler“ bleiben aber solche, denn ich gendere den ganzen Text nicht und erfreulicherweise gibt es ja auch Männer, die sich für Frauenrechte stark machen.

      Frauenintegration: Wenn wir schon weiter wären, wäre es eine andere Veranstaltung gewesen 🙁

  3. Antworten wir doch einfach in einer Sprache, die Männer und Manager verstehen könnten:
    Die herausragende und unbestrittene Bedeutung der weichen Standortfaktoren wird ignoriert.
    Vorhin las ich an anderer Stelle folgendes: „Bereits heute arbeiten in Europa 30% der Erwerbstätigen in der Kreativwirtschaft, also in dem Bereich, der die geistig-kulturellen Grundlagen für unser Dasein produziert.“ (leider vorerst ohne wissenschaftlich validen Beleg, ist aus der Bewerbung von Max Burger für den LaVo der Grünen BaWü)
    Und was heißt hier eigentlich „Macher“? Sowas wie Prognos ist Arche B in Reinform. Ich kann die Leute in Golgafrincham nach wie vor voll verstehen.

  4. Oh man(n) – Eine kommunale Streichliste, die ähnliche Gefühle wie ein Zahnarztbesuch hervorruft und die OZ (E.Ob.) schreibt: „Leitbild ist richtig: Stadt von Krise kaum betroffen“

    http://www.ostsee-zeitung.de/greifswald/index_artikel_komplett.phtml?param=news&id=2590532

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